Hilfe, meine Freundin verdient mehr Geld als ich!

„Oh Gott, der hat sich von Lara getrennt“, war der erste Gedanke, als mein vom obligatorischen Regen vollkommen durchnässter Bruder vor circa einem halben Jahr überraschend vor meiner Tür stand.

War er auch sonst immer der Mustermann der Familie, der allen mit seinem perfekten Leben, seiner schier unendlichen Kraft und seinem Tatendrang imponieren konnte – heute sah er aus wie ein geprügelter Hund.

[statistik ueberschrift=“Konfliktpotential:“]Bei einer Umfrage kam heraus, dass die „Karriere der Frau“ die meisten Konflikte zwischen Männern und Frauen hervorruft. (Quelle: Statista / IfD Allensbach)[/statistik]Als fürsorglicher älterer Bruder reichte ich ihm ein Bier. Aber erst eine Viertelstunde später konnte ich ihn dazu animieren, überhaupt den Mund aufzutun.

Zögerlich rückte er mit der Sprache heraus: Seine Ehefrau Lara hatte in letzter Zeit unglaubliches Glück gehabt. Ihre Zwillinge waren vorletztes Jahr eingeschult worden und Lara war daraufhin die Decke auf den Kopf gefallen.

Daher hatte sie sich wieder nach einem Job umgesehen und war bei ihrer ersten Bewerbung prompt in einem Großkonzern als Sekretärin in der Manageretage angenommen worden. Monatliches Nettogehalt: um die 4.000 Euro.

Mir klappte die Kinnlade herunter, fand aber schnell die Fassung wieder. „Und wo ist der Haken? Muss sie in Unterwäsche tippen, oder was?“

Nein, alles sei perfekt, antwortete mir mein Bruder und ließ seinen Kopf noch etwas tiefer hängen.

Der Versager

Langsam dämmerte mir, warum mein Bruder gerade mich von all seinen Männerbekanntschaften ausgewählt hatte, um sein „Problem“ zu besprechen.

Ich bin das exakte Gegenteil von ihm. Gemütlich („faul“), genügsam („anspruchslos“), verträumt („weltfremd“) und seit drei Jahren mit einer Frau zusammen lebend, die zweimal so viel verdient wie ich („überehrgeizige Emanze“).

[statistik ueberschrift=“Gender Pay Gap:“]Zwischen 1996 und 2010 betrug der Verdienstabstand zwischen Frauen- und Männergehältern knapp 20%. (Quelle: Statistisches Bundesamt / Statista)[/statistik]Sie bezahlt die Wohnung, ich gehe dafür einkaufen. Sie bucht uns einen tollen Urlaub und ich bereite einen spontanen Wanderausflug vor.

Wenn sie von einem anstrengenden Tag zurückkommt, habe ich oft schon gekocht und massiere ihr auch gerne die Schultern, wenn sie verspannt wirkt.

Ich habe immer stolz von uns beiden erzählt und uns für das perfekte Team gehalten, bis eines Tages mein Vater seelenruhig von seinem Sessel aus sagte: „Junge, das gibt so nix. Die will Erfolg in ihrem Leben, das ist bei den Karrierefrauen heutzutage so. Entweder du reißt dich endlich mal zusammen oder die schießt dich ab.“

Natürlich hielt ich das alles für chauvinistischen Unsinn. Aber leider hörte ich das auch noch von anderen. Und langsam fing ich an, mich gleichzeitig benutzt (als „Boytoy“ für die erfolgreiche
Frau von heute) und als Parasit (der die gute Bezahlung seiner Freundin ausnutzt) zu fühlen.

Letztendlich zwang mich meine „überehrgeizige Emanze“ zu einer Aussprache. Ich legte ihr alles offen, vor allem meinen Unwillen, den Beruf zu wechseln, nur um finanziell mit ihr gleichzuziehen.
Sie war geschockt, dass es plötzlich bei uns ums Geld ging – wo wir doch mehr als genug davon hatten.

Und ihr schockiertes Gesicht öffnete mir letztendlich die Augen.

Der Ernährer

Sehen wir den Fakten doch einmal einem klaren Licht: heutzutage steht zumindest in der Verfassung, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind. Haben ein Mann und eine Frau die gleiche
Arbeitsstelle, bekommen sie gleich viel Gehalt. Allerdings haben nur die wenigsten Paare den gleichen Job. Gehaltsdifferenzen sind demnach vorprogrammiert. Und der Mann kann nicht immer der sein, der mehr verdient. Ganz logisch. Für mich jedenfalls.

[statistik ueberschrift=“Klassisches Rollenspiel:“]Immerhin 35% der Befragten in einer großen Umfrage gaben an, dass die klassische Rollenverteilung richtig für die Familie sei. (Quelle: Statista / GESIS)[/statistik]Sind viele Männer etwa immer noch verkappte Machos, die ihre Partnerin lieber unglücklich hinterm Herd sehen als zufrieden im Chefsessel? So denken wir deutschen Männer doch nicht mehr, oder? Ich hoffe es jedenfalls.

Mit meinem Bruder habe ich intensiv geredet und ihm dargelegt, für was für einen Blödsinn ich es halte, dass intelligente Männer wie er es als Kränkung ihres Egos empfinden, wenn die Frau plötzlich die (mit Kaviar garnierten) Brötchen anschleppt.

Richtig erklären konnte er sich seine Scham nicht und so schleppten wir uns vom Hölzchen zum Stöckchen, bis ihm schließlich der Kragen platzte: „Wie sieht das denn aus? Unser Konto besteht bald nurnoch aus ihrem Geld! Soll ich jetzt jedesmal auf den Knien rutschen, wenn ich was haben will? Ich bin doch kein kleiner Junge mehr!“

Dass war der Moment, in dem ich realisierte, dass Geld – oder besser: der Erwerb von Geld – für meinen Bruder in direktem Zusammenhang mit seiner Freiheit stand. Und die Freiheit ein bedeutender Teil seiner Männlichkeit ist.

„Hätte die dumme Kuh doch bloß nie den Job bekommen!“, fluchte er. Der alte Status Quo war ihm deutlich lieber gewesen. Denn dort hatte er die Brötchen nach Hause gebracht, war der Hauptverdiener gewesen. Der bedeutende Mann, zu dem Frau und Kinder dankbar aufschauen konnten. Er war der Hauptverantwortliche gewesen, die wichtigste Person des Hauses, der demnach die größte (Entscheidungs-)Freiheit zustand.

Mein Bruder war im Begriff, seine Bedeutung im Haus zu verlieren, zumindest die Bedeutung, die er sich selbst zugestand und begab sich so in eine Art Identitätskrise, die dazu führte, dass er
beinahe flennend auf meiner Couch landete.

Der Mann

Der Knackpunkt in der Psyche meine Bruders war, dass er doch noch recht traditionell dachte. In seiner Welt hatte der Mann derjenige zu sein, der für das Wohl seiner Familie die Verantwortung trägt. Eine viel verdienende Frau (vor allem die eigene) verdrängte ihn so aus seiner eigenen idealen Welt und ließ ihn als wenig wünschenswertes Würmchen zurück.

Beinahe die ganze Nacht habe ich damals gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass er mehr ist als bloß ein Geldeintreiber. Dass er verantwortungsbewusster Vater ist, der von zwei Kindern geliebt wird. Dass er ein aufmerksamer Ehemann ist, der noch nie einen Hochzeitstag vergessen hat, dass er ein guter Kumpel ist, der überall gut ankommt und so weiter.

So richtig überzeugen lassen hat er sich nicht, so erschien es mir jedenfalls. Inzwischen weiß ich es jedoch besser, denn zu Weihnachten habe ich ihn und seine Familie noch einmal besucht. Das Fest war so prunkvoll, dass ich mich kaum dort wohl fühlte. Mein Bruder hat sich inzwischen mit dem neuen Reichtum arrangiert.

Anders kann ich mir die funkelnde neue Armbanduhr an seinem Handgelenk nämlich auch nicht mehr erklären.

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