Gedankenspiel: Schaffst du ein Jahr ohne Sex?

Wann hast du das letzte Mal einen Film gesehen, in dem Sex kein Thema war? Und wann hast du das letzte Mal einen Abend mit deinen Freunden verbracht, ohne das leidige Thema anzusprechen?

Fakt ist: Sex ist allgegenwärtig und immer präsent. Sei es im Büro oder zu Hause. In der Musik oder Literatur. Ja, sogar Goethes Faust enthält mehr sexuelle Anspielungen als ein Biologiebuch für die siebte Klasse.

Abgesehen von ein paar (bewundernswerten?) Freaks, die fernab von der Realität in entlegenen Klöstern wohnen und dort Reis anbauen, spricht jeder über Sex. Oder denkt zumindest daran. Das starke Geschlecht übrigens 6-10 mal am Tag.

Die Jugend von heute

Ganz klar: wir alle sind heutzutage froh, dass Sex kein Tabuthema ist, das so tot geschwiegen wird wie eine unangenehme Krankheit. Und dass heute sogar voreheliche erotische Beziehungen weitestgehend akzeptiert werden.

[statistik ueberschrift=“Sex im Dunkeln“]Ca. 25% aller Menschen machen laut einer Umfrage beim Liebesakt lieber das Licht aus. (Quelle: Statista)[/statistik]Gerade diese frisch gewonnene Akzeptanz vermischt mit der immer noch vorhandenen Scham macht den körperlichen Liebesakt jedoch zu einer Sache, über die man sich entweder flüsternd oder schreiend unterhält. Oder hast du schon einmal jemanden darüber sprechen hören ohne, dass dieser Jemand sich geschämt oder versucht hätte, sich gnadenlos selbst darzustellen?

Ich persönlich kann hier nur meinen Hausarzt nennen. Jemanden, den ich als Freund, Bekannten oder Familienangehörigen bezeichnen würde, jedoch nicht.

Doch woran liegt es, dass es scheinbar so schwer ist, über dieses Thema in einem angemessenen Tonfall zu reden? Ist es die Angst, mehr von sich preiszugeben, als man ursprünglich wollte? Oder weiß man doch nicht, was „okay“ ist und was nicht? Und fühlt man sich letztendlich krank, wenn man scheinbar als einziger in der Clique Frauen mit kleineren Brüsten bevorzugt?

Ist das alles nur Natur?

Unsicherheit ist vermutlich ein ständiger Begleiter des Sexlebens, wie wir es kennen. Daher weiß man auch nicht wirklich, ob man bestimmten Fernsehserien (z.B. Sex and the City) oder gar der Pornoindustrie dankbar sein darf, wenn die Protagonisten dieses Thema angehen als sei es ein Elfmeterschuss. Wohlgemerkt, ein amüsanter Elfmeterschuss.

Einerseits soll (zumindest in den Serien) die Wirklichkeit nachgebildet und/oder parodiert werden, was eine tolle Sache ist, weil der Umgang mit Sex so salonfähig wird. Dadurch entstehen andererseits aber auch häufig Bilder von der schönsten Nebensache der Welt, die zwar erstrebenswert, jedoch für Max Schmitt von nebenan für immer unerreichbar sein werden.

Hier ein Ausschnitt aus Sex and the City – es geht (wie üblich) um die Penisgröße eines Lovers:

Noch eine Nummer härter geht es in der Pornoindustrie zu. Hier werden alle möglichen Dinge gezeigt, die man mit seinen primären Geschlechtsorganen anstellen kann – ohne Rücksicht auf Verluste. Klar, Pornos sollen Lust machen. Lust auf mehr Porno. Denn im wahren Leben gestaltet es sich dann doch überraschend schwer, entsprechende Nummern nachzuspielen. Und der Frust, wenn man es dann doch versucht, mit Alina Mustermann wie in „Hot Chicks 3D XI“ zu machen, ist eigentlich nur noch eine traurige/logische Konsequenz.

[statistik]Mindestens 80% der Männer geben an, dass Pornografie einen positiven (weil inspirativen) Einfluss auf sie selber und ihr Sexualleben hätte. (Quelle: Statista)[/statistik]Tatsächlich sehnen sich die meisten Männer und immer mehr Frauen nach einem Sexleben wie im Pornofilm.

Die Kehrseite der Medaille zeigt jedoch auch, dass vermeintlich schlechter Sex für das Scheitern von jeder dritten bis vierten Beziehung verantwortlich ist.

Die Frage ist nun: Haben die meisten Menschen inzwischen ein zu hohes Ideal und erheben womöglich die schönste Nebensache der Welt zu einer Hauptsache?

Die schönste Hauptsache der Welt

Sex ist wichtig. Scheinbar. Auf jeden Fall wird er wichtig gemacht.

Schleichend hat sich die Fähigkeit als Liebhaber zu einem gesellschaftlich anerkannten Kriterium für einen „guten“ Menschen etabliert. Eine (sonst sehr intelligente) Freundin von mit erwähnte einmal über einen Ex-Freund: „Ja, der hat mich geschlagen, aber er war doch sooooo gut im Bett“, und entschuldigte so eine regelmäßig auftretenden Ausfälle.

[amazon_rechts][/amazon_rechts]Jeder Mann will ein guter Liebhaber sein. Aber nicht jeder ist es. Das weiß man. Und die Ungewissheit, ob man nun gut ist oder die Freundin einen doch anlügt, bringt einen um. Jedenfalls unterhalb der Gürtellinie.

Denn der Druck, dass man seiner Liebsten ein erotisches Feuerwerk veranstalten will (wie halt in Hot Chicks 3D XI), bringt so manchen Mann so sehr aus der Fassung, dass es schließlich nicht einmal mehr für einen Knallfrosch reicht.

Und damit hätte der entsprechende Mann eine Demütigung erreicht, gegen die die Kündigung vor der versammelten Belegschaft wie eine süße Grundschul-Peinlichkeit erscheint.

Und das Fazit?

Will ich wirklich ein ganzes Jahr ohne Sex versuchen? Ohne erotische Streicheleinheiten wunderschöner (oder auch durchschnittlicher) Frauen? Ohne spirituelle Verschmelzung auf körperlicher Ebene? Ohne Masturbation? Ohne Porno?

Ich weiß es nicht, aber diese Neujahrsimpulse haben mich nachdenklich gestimmt. Und so werde ich das Thema wohl weiterhin hinterfragen.

Mein erotischer Vorsatz für dieses Jahr ist folgender: Ich werde nur noch das tun, was ich als richtig „fühle“. Und nicht mehr den Scheiß, von dem ich denke, dass er erwartet wird.

Ein Jahr ohne Sex? Bin ich denn verrückt?

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