Das unterkühlte Geschlecht: Wenn Männer ihre Gefühle leugnen

Männer weinen nicht. Wenn sie es doch tun, dann sind sie keine Männer mehr.

Ich weiß nicht, woher dieser Ausspruch kommt – er würde in die Zeit des ersten und zweiten Weltkriegs passen oder in sonstige Situationen, in denen das Zeigen von Schwäche den eigenen Exitus bedeutet hat.

Heute allerdings sind wir Männer nicht mehr in unserer Existenz bedroht und müssen nicht „auf hart“ machen.

Wir tun es trotzdem.

Sind Gefühle ein Zeichen von Schwäche?

Nein.

Wenn du deine Gefühle offen zeigst, gibst du potenziellen Angreifern die Möglichkeit, dich hart zu treffen.

Dieser Angreifer könnte sogar deine Partnerin sein. Gerade in Liebesbeziehungen scheinen Männer große Probleme damit zu haben, ihre Gefühle zu zeigen.

Die Foren im Internet sind voll von Ausrufen verzweifelter Freundinnnen und Ehefrauen, die nicht mehr weiterwissen: „Warum redet er nicht mit mir? Wieso ist er so kalt? Ich weiß doch, dass ihn etwas bedrückt…“

Auch Bücher zum Thema gibt es im Überfluss.

Warum zeigen Männer nur selten Gefühle?

Ganz einfach: Weil sie glauben, dass es ein Zeichen von Schwäche ist. Kein Mann möchte schwach sein, das widerspricht seiner Natur.

Die eigenen Gefühle zu zeigen ist jedoch nicht die eigentliche Schwäche, sondern der unreflektierte Umgang damit.

Nehmen wir die berühmt-berüchtigten U-Bahn-Schläger als Beispiel: Diese jungen Leute handeln nicht aus einer logischen Überlegung heraus, sondern lassen sich in extremster Weise von ihrem Bauchgefühl leiten.

Man könnte es auch Inspiration nennen, in Fällen besonderer Grausamkeit sogar Kreativität – darum geht es jedoch nicht.

Gefühlsausbrüche können dann nicht kontrolliert werden, wenn man Gefühle nicht zeigen darf oder wenn man das Fühlen verlernt hat.

Männer gelten generell als aggressiver – im Vergleich zu Frauen.

Fröhliche Fußballfans werden nach einer Niederlage ihres Lieblingsvereins (in Kombination mit ein paar Litern Bier) zu unzähmbaren Bestien.

Das ist die eigentliche Schwäche, die man mit Gefühlen in Verbindung bringen sollte.

Es ist ein Zeichen von Schwäche und mangelndem Selbstvertrauen, wenn man mit der Offenbarung der eigenen Gefühle solange wartet bis man explodiert.

Ich gebe es zu: Ich weine manchmal

Ja, lach mich ruhig aus. Ich bin ein Mann und doch weine ich manchmal. Ab und zu vor Freude, dann wiederum aus Traurigkeit.

Und es ist kurios: Es fühlt sich falsch an. Selbst dann, wenn es niemand mitbekommt. Wenn ich mich nicht vor anderen schämen kann, dann eben vor mir selbst.

Glücklicherweise habe ich diesen Standpunkt längst überwunden – das Zeigen von Gefühlen ist keine Schwäche.

Lieber rege ich mich zweimal im Voraus auf, als im Nachhinein jemanden wegen eines winzigen Missverständnisses den Schädel einzuschlagen.

Das Stichwort lautet: Aggressionen abbauen.

Die Erziehung zum ultra-harten Mann, an dem alles abprallt, ist gescheitert und ohnehin ist diese Herangehensweise grundfalsch.

Wir Männer müssen lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen. Wir müssen lernen, sie besser zu kontrollieren.

Wir müssen sie solange kontrollieren und in gesunde Bahnen lenken, bis wir sicher sein können, dass wir die Kontrolle nicht mehr brauchen.

Wurdest du schon einmal als „kalt“ bezeichnet?

Du stehst nicht allein damit da. In fast jeder Mann-Frau-Beziehung kommt irgendwann der Punkt, an dem die Frau spürt, dass etwas mit dir nicht stimmt.

Wenn du nicht Manns genug bist, um deine Gefühle offen zu zeigen, dann arbeite wenigstens im stillen Kellerlein an deinem Problem, an deiner wirklichen Schwäche.

Mir hat es zum Beispiel sehr geholfen, eine Art Tagebuch zu führen.

Du brauchst ja keine Blümchen reinzumalen – es dürfen auch gerne blutige Messer sein.

Wichtig ist, dass du ein Gleichgewicht zwischen In- und Output herstellst.

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